// Wir wurden in Frieden geboren
„We were born into peace.“
Schon die ersten Zeilen von WE FORGOT setzen einen Gedanken, der gleichzeitig unglaublich selbstverständlich und ziemlich unbequem ist: Wir haben Frieden nicht als etwas Besonderes kennengelernt. Für viele von uns war er einfach da.
Wir hatten keinen Grund Angst zu haben. Keinen Grund, uns umzudrehen. Wir gingen raus, wir kamen heim und dachten, es würde immer so sein.
Genau darin steckt für mich die eigentliche Stärke des Songs. Er beginnt nicht mit Krieg. Er beginnt mit Normalität.
Frieden ist in diesem Song zunächst kein großes politisches Konzept. Er ist Alltag. Ein Zustand, über den man nicht nachdenken muss, weil man ihn nie anders kennengelernt hat.
„We were born into peace.
We thought it would never end.“
Und vielleicht ist genau das die gefährliche Seite eines geerbten Friedens: Man kann irgendwann vergessen, dass er überhaupt Arbeit ist.
Wir mussten ihn nicht selbst herbeiführen. Wir mussten ihn nicht selbst verteidigen. Wir haben ihn geerbt.
Demokratie ist Arbeit. Freiheit ist Arbeit. Zusammenleben ist Arbeit. Frieden ist Arbeit.
Nicht jeden Tag im dramatischen Sinn. Oft ist es viel unspektakulärer: zuhören, widersprechen, nachfragen, aushalten, dass jemand anders anders denkt, eine Grenze ziehen, wenn eine Grenze überschritten wird.
Und genau hier beginnt das eigentliche WE FORGOT.
// Wir haben vergessen
Der Titel der Veröffentlichung ist dabei ziemlich gnadenlos:
Wir haben vergessen!
Nicht unbedingt Namen oder Daten. Sondern etwas Grundsätzlicheres: den Wert dessen, was längst selbstverständlich geworden ist.
Der Song beschreibt eine Entwicklung, die gerade deshalb so unangenehm wirkt, weil sie nicht mit einem einzigen großen Moment beginnt.
Erst wollten wir nicht hören. Dann wollten wir nicht sehen. Dann wollten wir einfach weitermachen, als wäre nichts geschehen.
Wir dachten, Frieden bleibt, wenn man ihn einfach hat.
„We forgot, wir haben vergessen.
We forgot, wir haben verdrängt.“
Das ist für mich mehr als ein Refrain. Es ist der Moment, in dem aus einer persönlichen Erinnerung eine gesellschaftliche Frage wird.
Denn Vergessen ist menschlich. Niemand kann sich an alles erinnern. Niemand kann jede Geschichte, jede Katastrophe, jede Ungerechtigkeit permanent im Kopf tragen.
Aber zwischen dem normalen Vergessen und dem gesellschaftlichen Verdrängen liegt ein Unterschied.
Denn manchmal vergessen wir nicht, weil wir etwas nicht wissen. Wir vergessen, weil es bequemer ist.
Und irgendwann gibt es vielleicht tatsächlich keinen Weg zurück.
// Etwas, das zurücksprach!
Ich bin als Rk-8rnr* in diese Veröffentlichung verwickelt, obwohl ich eigentlich gar nicht vorhatte, Teil von etwas zu werden.
Einige meiner experimentellen Tracks haben die Schnuxel-Buxelz inspiriert. Nicht im Sinne von „wir nehmen jetzt einen Beat und machen daraus einen Song“, sondern eher so, wie Inspiration manchmal eben funktioniert: Man hört etwas, bleibt an einem Geräusch hängen, an einem Text, an Irgendwas – und dann macht das eigene Hirn daraus etwas völlig anderes.
Aus dieser Reibung entstand etwas, das ziemlich gut zu den Schnuxel-Buxelz passt: kein sauberer Genrewechsel, sondern eher ein Stolpern zwischen Welten. Punkrock trifft elektronische Maschinen, Gitarren treffen Samples, und irgendwo dazwischen steht ein Nerd und fragt sich, wie er eigentlich hier gelandet ist.
Aber interessant wurde es für mich erst in der Gegenrichtung.
Wenn meine Tracks eine Inspiration für die Buxelz waren, sollten die Buxelz wiederum mich inspirieren. Nicht mit einem Auftrag, sondern mit einer Idee:
Was bleibt übrig, wenn man all den Lärm einmal wegnimmt?
Und genau an dieser Stelle beginnt meine Verbindung zu SILENT.
// Frieden ist nicht Stille
Denn WE FORGOT erzählt vom Frieden, den wir für selbstverständlich gehalten haben. Von dem Moment, in dem wir feststellen, dass dieser Zustand eben nicht automatisch bleibt.
Und dann kam die Frage: Was passiert, wenn irgendwann niemand mehr hinsieht, niemand mehr fragt und niemand mehr spricht?
Meine Antwort darauf war: SILENT.
Aber Stille wurde nicht Frieden.
Denn Frieden lässt sich mit Ruhe verwechseln:
Keine Sirenen.
Keine Schüsse.
Keine Grenzen, an denen wir täglich stehen müssen.
Kein unmittelbarer Grund, Angst zu haben.
Das ist ein großes Glück.
Aber Frieden ist nicht einfach die Abwesenheit von Lärm.
„Peace is not silence.“
Genau dieser Gedanke ist für mich die Verbindung zwischen WE FORGOT und SILENT.
Der eine Song fragt, wie wir etwas vergessen konnten, das uns einmal selbstverständlich erschien. Der andere fragt, was passiert, wenn aus diesem Vergessen Schweigen wird.
// Das Problem mit der Stille
Stille kann wunderschön sein.
Nach einem Konzert. Nach einem Sturm. Früh am Morgen. In einem Raum, in dem man endlich einmal nichts hören muss.
Aber gesellschaftliche Stille ist etwas anderes.
Wenn niemand widerspricht, heißt das nicht automatisch, dass alle einverstanden sind.
Wenn niemand fragt, heißt das nicht automatisch, dass es keine Fragen gibt.
Und wenn niemand spricht, heißt das nicht, dass nichts passiert.
Manchmal bedeutet Schweigen schlicht: Wir haben uns entschieden, gerade nichts zu tun.
Vielleicht kennt jeder diese kleinen Sätze:
„Jemand anderes wird schon etwas sagen.“
„So schlimm wird es schon nicht sein.“
„Das passiert hier nicht.“
„Was soll ich denn schon machen?“
Kein einzelner dieser Sätze macht einen Menschen zu einem schlechten Menschen. Wir sind überfordert, müde, beschäftigt, unsicher. Wir können nicht auf alles reagieren.
Aber viele kleine Entscheidungen, nichts zu sagen, können irgendwann einen Zustand erzeugen, den niemand mehr gewollt hat.
„Every silence became another brick.
Every turn became another wall.“
Schweigen wird zum Baumaterial.
Erst ein Stein. Dann noch einer. Dann noch einer.
Und irgendwann steht da eine Mauer.
// Frieden braucht Mut
Meine Zugabe SILENT wird an dieser Stelle bewusst unbequem.
„Peace without courage is only quiet.
Peace without truth is only fear.
Peace without a voice is only waiting.“
Das ist keine Aufforderung, ständig laut zu sein. Es geht nicht darum, jede Diskussion zu gewinnen oder aus jedem Unterschied einen Konflikt zu machen.
Im Gegenteil.
Ein friedliches Miteinander braucht die Fähigkeit, Widerspruch auszuhalten. Es braucht Räume, in denen Menschen sagen dürfen, dass etwas falsch läuft. Es braucht Wahrheit, auch wenn Wahrheit unbequem ist.
Und es braucht Menschen, die ihre Stimme nicht erst dann entdecken, wenn es bereits zu spät ist.
dass niemand etwas sagt.
// Keine Heldengeschichte
SILENT ist deshalb auch keine Heldengeschichte.
Der Gedanke dahinter handelt zunächst von Menschen, die zuschauen. Die warten. Die vergessen. Die sich einreden, dass jemand anderes sprechen wird.
Gerade deshalb ist es für mich persönlich interessanter als ein Song, der einfach nur mit dem Finger auf „die anderen“ zeigt.
Denn die unangenehme Frage lautet:
Was hätte ich gesagt?
Wann hätte ich gesprochen?
Und hätte ich tatsächlich gesprochen, wenn Schweigen für mich bequemer gewesen wäre?
Darauf gibt es keine besonders coole Antwort. Vielleicht kann es sie auch gar nicht geben.
Es gibt nur die nächste Situation. Den nächsten Moment. Die nächste Entscheidung.
// SILENT
SILENT
Irgendwie eine Menge Dinge, die man eigentlich nicht miteinander verheiraten sollte.
Und vielleicht musste genau deshalb eine Zugabe wie SILENT sein.
Nach all dem Punkrock in unserer Republik. Nach all den Gitarren. Nach dem Dreck, dem Lärm, dem Rauschen.
Ein Track, der Stille benennt und selbst keine Stille ist.
Das ist für mich die Verbindung.
Wir inspirierten uns gegenseitig.
Die Buxelz haben meine elektronischen Tracks gehört
und daraus Punkrock gemacht.
Ich habe ihren Punkrock gehört
und daraus einen elektronischen Gedanken gemacht.
Nicht Kopie. Nicht Remix im klassischen Sinn. Sondern Antwort.
Musik als Gespräch.
// No more
Am Ende bleibt für mich deshalb nicht einfach die Feststellung: Wir haben vergessen.
Denn wenn WE FORGOT nur eine Erinnerung wäre, würde der Song genau dort enden, wo er begonnen hat.
Interessant wird er erst, wenn aus dem Erkennen eine Entscheidung wird.
Nicht die Entscheidung, immer laut zu sein. Nicht die Entscheidung, immer recht zu haben. Sondern die Entscheidung, Schweigen nicht mehr automatisch mit Frieden zu verwechseln.
Denn eine Stimme muss nicht brüllen.
Sie muss nur vorhanden sein.
Ein Satz kann reichen.
Eine Frage.
Ein Widerspruch.
Ein „Warum?“.
Ein „Nein.“
Oder einfach:
Ich sehe das.
Peace is a voice.
Peace is a choice.
Wir wurden in Frieden geboren.
Jetzt müssen wir entscheiden, was wir daraus machen.
Danke an die Schnuxel-Buxelz für die Einladung,
für die Inspiration in beide Richtungen!
Vor allem auch dafür,
dass aus unterschiedlichen musikalischen Welten kein Zaun,
sondern eine Verbindung entstanden ist.
WE FORGOT.
Vielleicht ist das keine Feststellung.
Vielleicht ist es eine Warnung.
Und vielleicht ist SILENT die kleine Erinnerung daran, dass Frieden manchmal genau dort anfängt, wo jemand beschließt, nicht länger zu schweigen.